Der Winter hat noch Spuren hinterlassen

20. April 26

Der Winter kam erst nach meinem letzten Beitrag mit eisiger Kälte, mit Schnee und Rodelwetter. Ende Februar beeindruckte mich noch die Fahrt mit der Fähre durch das brechende Eis. Das Wasser der Ostsee hat die Winterkälte noch gespeichert und sorgt für einen kühlen und langsam herankommenden Frühling. Zwar hat sich die Schafherde auf dem Nachbargrundstück schon um sieben schwarze Lämmer vergrößert, aber die Forsythien blühen noch. Das Wasser der Ostsee misst noch keine 8 Grad. Endlich entfalten sich auch die ersten Blätter an manchen Bäumen. So kennen wir noch die Jahreszeiten aus unserer Jugend, befanden eines morgens eine Freundin und ich. Und tatsächlich ist es das kühlste Frühjahr der letzten fast 50 Jahre, bestätigen die Experten.

Umrunden und Abrunden

Meine Spurensuche findet sich inzwischen in einigen leuchtenden Papierarbeiten wieder. Es brauchte viele Proben, Fehler und Umwege bis zu dem Ergebnis, das ich im Juni in einer Ausstellung zeigen werde. In einer größeren Arbeit würde ich meine gewonnenen Erfahrungen gerne zu einem Finale bündeln. Ich weiß nur noch nicht wie. Dafür brauche ich doch vielleicht mehr Zeit und Ruhe, als sie mir bis zum Beginn der Ausstellung in Marstal bleibt. Vorerst warte ich auch noch auf einen kräftigen Wind aus östlichen Richtungen. Dann kommt Seegras, das übrigens kein Tang ist, wie ich jetzt gelernt habe, als frische, grüne, lange Halme angeschwemmt. Mit ihnen möchte ich Objekte bauen. Es gefällt mir sehr gut und passt gut zu meiner Spurensuche, dass meine Arbeit vom Wetter abhängt. Eine ganz neue Erfahrung.

Ich hatte viel damit zu kämpfen, Vorstellungen im Kopf zu haben, die sich technisch schwer realisieren ließen. Welches sollte der Weg sein? Die Technik ändern – oder meine Vorstellungen? Ging es um ausreichende Offenheit ungeahnten Überraschungen gegenüber, oder um das konsequente Verfolgen einer Bildidee? Oft fehlte mir ein künstlerischer Austausch. Wird es mir wohl gelingen diesen Austausch hier vor Ort zu finden? Es fällt mir immer noch schwer komplexere und unfertige Gedanken in der neuen Sprache auszudrücken.

Ausschnitt Hochdruck mit Wäschetrommel
Ausschitt Hochdruck mit Seegras
Ausschnitt Collage mit Hochdruck Sand

Im Hintergrund

Inzwischen blicke ich beinahe zurück auf eine Arbeitsphase. Was habe ich eigentlich gemacht, gesucht, gefunden? Wiedergefunden habe ich in meiner persönlichen Lyriksammlung ein fast vergessenes Gedicht von Zoran Drvenkar:

alles, was gewesen ist
ich möchte deinem geruch
wie einer unsichtbaren spur
durch raum und zeit folgen
die stationen verstehen
an denen du gewesen bist
um zu wissen
wo ich dich finden kann
wo ich dich suchen muss
um dir zu sagen
dass alles
was gewesen ist
immer sein wird
dass deine gedanken
spuren hinterlassen haben
wie der schatten eines vogels
auf der erde
spuren hinterlässt
ohne dass man
den vogel
sehen muss

Das Meer, die Landschaft und dieses Land zeichnen Spuren in meiner Wahrnehmung, meiner Arbeit, meinem Alltag und meinen Gedanken. Das spüre ich sehr genau. Welche Spuren hinterlasse ich, welche habe ich hinterlassen und welche haben vorherige Generationen in mir und der Landschaft hinterlassen? Habe ich die Möglichkeit Spuren aufzunehmen und zu verarbeiten? Auf welche Weise geschieht das? Gibt es Aufnahmefehler die ich korrigieren kann? In den letzten Wochen hörte ich einiges über Forschungsergebnisse der Epigenetik, einem neueren Zweig der Genetik. Offenbar konnte die Übertragung von Eigenschaften und Erfahrungen von einer Generation zur nächsten nachgewiesen werden. Es wurden reversible Spuren biochemisch übertragener Erfahrungen von einer Generation auf die nächste gefunden. Inwieweit sich das auch auf menschliches Verhalten bezieht, scheint dabei aber noch nicht gesichert erkannt zu sein. Wenn ich das richtig verstanden habe, ich bin keine Naturwissenschaftlerin, wird diese Erkenntnis sehr viel in der Medizin und Psychologie verändern, oder hat es das sogar schon? Ich bin sehr neugierig darüber mehr zu lesen.

Suchen und Finden

Wonach also habe ich gesucht? Ich habe versucht mich meiner Umgebung neu zu nähern. Nicht der Blick auf die Weite der Landschaft und die Ferne des Horizontes, sondern die Nähe der Materialien aus der diese Landschaft besteht. Ich habe den modrigen Tang gerochen und das Seegras heraussortiert, die nach altem Fisch riechende Wäschetrommel am Hafen berührt und den rauen Sand unter den Füssen gespürt. Das alles habe ich mitgenommen in mein Atelier und verarbeitet, umgeformt und verwendet. Ich habe es mir sozusagen einverleibt. Das war auch eine ganz andere Arbeit als der distanzierte Blick beim Zeichnen, der mir gut bekannt ist. Was habe ich dabei gefunden? Eine komplexere, leiblichere Sicht meiner Welt.

Ausschnitt Hochdruck mit Seegras
Ausschnitt Hochdruck mit Seegras

Künstlerische Arbeit ist immer auch eine innere Arbeit. Für mich wichtiger und viel spannender als das, was ich über mich erzähle, ist mir aber das, was du hörst. Anders gesprochen: Was kannst du finden in den von mir verarbeiteten Spuren? Daran ist mir gelegen. In der Ausstellung in Marstal werde ich vielleicht, wenn es gut geht, ein kleines bisschen davon erfahren. Über die Vielsprachigkeit hinweg hoffe ich auf nonverbalem Weg etwas erzählen zu können, von dem ich selbst nicht alles in Sprache fassen kann.

Ob wir uns wohl dort sehen werden?

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