{"id":5042,"date":"2023-10-23T08:39:32","date_gmt":"2023-10-23T08:39:32","guid":{"rendered":"https:\/\/kieseritzky.de\/?p=5042"},"modified":"2023-12-05T15:29:29","modified_gmt":"2023-12-05T15:29:29","slug":"nach-der-sturmflut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kieseritzky.de\/da\/nach-der-sturmflut\/","title":{"rendered":"Efter stormfloden"},"content":{"rendered":"<p>22.10.23<\/p>\n\n\n\n<p>Von Donnerstag bis Samstag w\u00fctete in der d\u00e4nischen S\u00fcdsee ein Sturm aus \u00f6stlicher Richtung. Er schob das, zuvor im Osten, vom Westwind aufgestaute Wasser vor sich her. Sturm und Wasser trafen auf die Inseln und die Ostk\u00fcste D\u00e4nemarks und Norddeutschlands. Auch auf \u00c6r\u00f8 stieg das Wasser so hoch, wie vor \u00fcber hundert Jahren nicht mehr. <br \/>In dem Bem\u00fchen das Geschehene begreiflich zu machen, habe ich Fotos gemacht und zusammengesucht.<\/p>\n\n\n\nngg_shortcode_0_placeholder\n\n\n\n<p>Allem voran: Uns ist nicht passiert, unser Boot Emma liegt sicher im Vorgarten, vollkommen unber\u00fchrt von den Ereignissen. Wir hatten sie, zusammen mit anderen Booten, am Mittwoch gerade noch rechtzeitig an Land geholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Donnerstagnachmittag bis Samstagvormittag ist keine F\u00e4hre mehr gefahren. Die F\u00e4hren fuhren mit doppelter Besatzung vor der Insel im Kreis um nicht am Anleger zu zerschellen. Nun fahren sie wieder als w\u00e4re nichts geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Inselbewohner erwachen langsam aus der Schreckensstarre. Heute ist der Tag des Aufr\u00e4umens. Die Dorfbewohner aus Ommel treffen sich in den beiden H\u00e4fen. Fast jeder hat hier ein Boot. Eben war ich noch am Strandby Havn, dort, wo ich jeden morgen baden gehe. Es gab nicht viel zu tun, der Sand, der Seetang und die vielen Steine, die \u00fcberall herumliegen, werden nachher von einem R\u00e4umfahrzeug zur\u00fcck ins Meer geschoben. So bin ich wieder zur\u00fcckgefahren, um euch zu berichten. Andere sitzen beieinander, plaudern, trinken Kaffee und erholen sich. Das haben wir gestern mit Freunden im Irish Pub in Marstal auch getan.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt viele kleine und gro\u00dfe Sch\u00e4den. Kein Mensch ist zum Gl\u00fcck zu Schaden gekommen, von Tieren habe ich wenig geh\u00f6rt. Ein Sch\u00e4fer \u00fcberstand zusammen mit seinem Hund und 150 Schafen die Flutnacht auf einem winzigen H\u00fcgel auf einer nahegelegenen, kleinen Insel. Nur wenige Wohnh\u00e4user liegen so nahe am Wasser, dass sie zerst\u00f6rt wurden. Allerdings gibt es einige, die Wasser in Erdgeschoss und im Keller hatten. Etliche B\u00e4ume sind umgest\u00fcrzt. In unserem Garten hat ein alter Pflaumenbaum einen dicken Ast verloren. Auf den Wiesen, von denen sich das Wasser jetzt wieder zur\u00fcckgezogen hat, liegen tausende ertrunkene Regenw\u00fcrmer. Das habe ich zuvor noch nie gesehen. Ob die V\u00f6gel sie sich holen?<\/p>\n\n\n\n<p>In den H\u00e4fen sieht es dramatisch aus. Zerschundene und gesunkene Jachten, querliegende Fischerboote. Einige Boot liegen auf dem Steg, Stege sind zerbrochen und Segel zerfetzt. Segler stehend fassungslos weinend am Jachthafen. Alte Molenmauern wurden unterh\u00f6hlt und gro\u00dfe Steine sind herausgeschwemmt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Marstal sind die kleinen Badeh\u00e4uschen, die als Sinnbild der Idylle gelten, weitgehend zerst\u00f6rt. Einzelteile liegen auf den umliegnden Wiesen. Spazierg\u00e4nger sammeln Geschirrteile, Dosen\u00f6ffner und Kerzenhalter und stellen sie liebevoll auf die vom Wasser freigegebenen Picknickb\u00e4nke in der n\u00e4he der Ruinen. Die Badeh\u00e4user in \u00c6r\u00f8sk\u00f8bing scheinen nicht so stark betroffen zu sein. Dort bin ich aber noch nicht gewesen. Es ist ein schmaler Grat zwischen Katastrophentourismus und dem Versuch das Geschehene zu bergreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr starke Sch\u00e4den gibt es an einigen Stra\u00dfen. Die Strandstrade, sie f\u00fchrte in Marstal zwischen den Villen und dem Ufer entlang, gibt es nicht mehr. Der Drejet, die einzige Stra\u00dfe, die den S\u00fcdostteil der Insel mit dem Nordwestteil verbindet, ist schwer besch\u00e4digt. In der Nacht zu Samstag, dem H\u00f6hepunkt der Sturmflut, bef\u00fcrchteten viele, die Insel w\u00fcrde in zwei Teile geteilt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute beginnen die Aufr\u00e4umarbeiten, morgen wird Bilanz gezogen. Versicherungen rechnen, Politiker verteilen, Meterologen und Klimaforscher prognostizieren. Die Einheimischen, mit denen ich hier Kontakt habe, nehmen das alles sehr gelassen hin. Erstmal aufr\u00e4umen. Das Leben geht weiter. Die Sonne scheint, die Last auf den Schultern wird leichter. Urlauber, die im kommnden Fr\u00fchjahr die Insel besuchen, werden Altes, Geliebtes vermissen und Neues entdecken. Ich setze mich auf die Bank unter dem Walnussbaum, atme durch, die Sonne f\u00e4llt durch die restlichen Bl\u00e4tter auf mein Gesicht und ich wei\u00df, hier ist es einfach sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Facebook, Instagram, dem Fernsehen und den Onlinezeitungen gibt es tausende Fotos aus ganz D\u00e4nemark. Auch der Norden Deutschlands wurde schwer getroffen, erfahren wir hier. Mir ist das Wetter noch nie so nah gekommen. Es war vorbei mit dem Genuss und der klammheimliche Freude \u00fcber die Kraft des Windes und des Meeres. Vorbei war das staunende Lauschen auf das Br\u00fcllen des Sturmes. Am Freitagmorgen lehnte sich eine Freundin das letzte Mal freudig gegen den starken Wind. Danach wurde alles anders. Daran werde ich mich lange erinnern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.10.23 Von Donnerstag bis Samstag w\u00fctete in der d\u00e4nischen S\u00fcdsee ein Sturm aus \u00f6stlicher Richtung. Er schob das, zuvor im Osten, vom Westwind aufgestaute Wasser vor sich her. Sturm und Wasser trafen auf die Inseln und die Ostk\u00fcste D\u00e4nemarks und Norddeutschlands. 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